Du kennst bereits die zentralen Modalverben im Präsens — kann, muss, will und so weiter. Aber wie spricht man über eine Fähigkeit, eine Verpflichtung oder einen Wunsch, die in der Vergangenheit lagen, etwa ich musste arbeiten oder ich konnte nicht kommen? Hier bringt das Deutsche eine seiner seltsamsten Strukturen hervor.
Normalerweise nimmt jedes deutsche Verb im Perfekt haben oder sein plus ein Partizip II, wie in Ich habe gearbeitet. Aber wenn ein Modalverb wie müssen oder können zusammen mit einem anderen Hauptverb auftritt, ändert sich die Regel vollständig: Statt seine übliche Partizip-II-Form (wie gemusst) anzunehmen, bleibt das Modalverb in seiner schlichten Infinitivform und wandert ans äußerste Ende des Satzes, hinter das Hauptverb, das ebenfalls im Infinitiv stehen bleibt. Das nennt man den doppelten Infinitiv:
Ich habe gestern arbeiten müssen — nicht Ich habe gearbeitet gemusst.
Beachte die Reihenfolge: haben bleibt wie üblich in der zweiten Position, und dann stapeln sich am Ende zwei Infinitive — zuerst das Hauptverb, zuletzt das Modalverb. Diese umgekehrte Reihenfolge, in der das Modalverb, das logisch wichtigste Element, ganz am Schluss landet, bringt viele Lernende aus dem Konzept, besonders wenn ihre eigene Sprache das Gegenstück zu musste ganz an den Anfang stellen würde.
Das Beruhigende: Im alltäglichen gesprochenen Deutsch vermeiden Muttersprachler diese schwerfällige Konstruktion meistens und bevorzugen das Präteritum: musste, konnte, wollte, durfte, sollte, mochte. Es ist leicht zu bilden — Verbstamm plus -te- plus eine Personalendung, und jeder Umlaut, den das Verb im Präsens hatte, verschwindet: aus kann wird konnte, aus will wird wollte. Statt des langen Satzes oben sagt Ich musste gestern arbeiten dasselbe, und das ist bei Weitem die häufigere Wahl, in der gesprochenen Sprache und sogar in der Schrift.
Achte auf eine kleine, aber häufige Falle: mochte (mochte, von mögen) hat nichts mit möchte (möchte, eine höfliche Präsensform) zu tun, obwohl die beiden fast identisch aussehen. Das eine ist Präteritum, das andere eine höfliche Gegenwartsform — verwechsle niemals das eine mit dem anderen.