Wenn du über etwas sprechen willst, das in der Vergangenheit nicht geschehen ist, und dir vorstellen möchtest, was hätte passieren können, wenn eine Bedingung anders gewesen wäre, brauchst du eine Form, die die gewöhnlichen deutschen Zeiten nicht liefern können — denn das Präteritum und das Perfekt beschreiben, was tatsächlich geschehen ist, nicht das, was lediglich hätte geschehen sollen. Diese Lücke füllt der Konjunktiv II der Vergangenheit, jene Form, zu der Muttersprachler greifen, um Bedauern, Vorwurf, verspäteten Rat und irreale Bedingungen in der Vergangenheit auszudrücken — all das, was Muster wie „hätte ich doch nur …“, „hätte … sollen“ oder „wäre … gewesen“ erfassen.
Die zeitliche Logik ist hier entscheidend und unterscheidet sich deutlich vom Konjunktiv II der Gegenwart. Wenn ich Zeit hätte, würde ich kommen beschreibt eine Möglichkeit, die in der Gegenwart oder Zukunft noch offen ist. Wenn ich Zeit gehabt hätte, wäre ich gekommen schließt diese Tür endgültig: Die Zeit ist verstrichen, die Gelegenheit ist vorbei, und nichts kann das Ergebnis nun noch ändern. Diese Unterscheidung zwischen „noch möglich“ und „zu spät“ ist der Kern dessen, was die Vergangenheitsform von ihrem Gegenstück in der Gegenwart trennt.
Strukturell wird die Form immer aus einem Hilfsverb im Konjunktiv II plus einem Partizip II gebildet: hätte bei den meisten Verben, wäre bei Verben der Bewegung oder Zustandsänderung (gehen, kommen, werden) sowie bei sein und bleiben. Begrifflich ist es einfach das Plusquamperfekt (hatte/war + Partizip II), bei dem das Hilfsverb in seine Konjunktivform gesetzt wird.
Der kniffligste Fall entsteht, wenn ein Modalverb im Spiel ist: Statt hätte gemusst verwendet das Deutsche den sogenannten Doppelinfinitiv, bei dem das Modalverb selbst in seiner Infinitivform ganz am Ende des Satzes stehen bleibt: Ich hätte früher kommen sollen („Ich hätte früher kommen sollen, habe es aber nicht getan“). Die Wortstellung verschiebt sich entsprechend — hätte nimmt seine übliche zweite Position ein, während die beiden Infinitive (Hauptverb + Modalverb) gemeinsam ans Ende des Satzes rücken.
Das führt zu dem Fehler, den fortgeschrittene Lernende am häufigsten machen: die Verwechslung von hätte kommen sollen (Bedauern über eine vergangene Handlung, die nie ausgeführt wurde) mit sollte kommen (ein gegenwärtiger oder zukünftiger Rat oder eine Verpflichtung, deren Ausgang noch offen ist). Der erste Satz sagt dir unmissverständlich, dass die Person nicht gekommen ist und es bedauert; der zweite trägt keinen solchen zeitlichen Abschluss in sich. Ein zweiter häufiger Fehler ist der Griff zu würde + Infinitiv II (würde gekommen sein) statt zum einfacheren und korrekten hätte/wäre + Partizip II — eine Konstruktion, die in sorgfältigem Schreiben und Sprechen selten und unnatürlich ist.