Die Literaturkritik im Deutschen folgt einem festen Register und einer analytischen Methode, die das Goethe-Zertifikat C1 und der TestDaF erwarten, wenn sie dich bitten, einen kurzen literarischen Text oder ein Gedicht zu kommentieren. Der erste Schritt ist stets die Bestimmung der literarischen Gattung, die Gattung: Ist der Text Prosa (ein Roman, eine Kurzgeschichte, eine Novelle), Lyrik oder Drama? Diese Einordnung ist keine Formalität — jede Gattung verlangt andere analytische Werkzeuge: In der erzählenden Prosa analysierst du die Handlung und die Erzählperspektive; in der Lyrik analysierst du Strophen, Reim und Metrum; im Drama analysierst du Dialog und Regieanweisungen.
Nach der Einordnung folgt die Strukturanalyse: Wer erzählt die Ereignisse, der Erzähler? Ist der Erzähler ein Beteiligter an der Geschichte (Ich-Erzähler) oder eine allwissende äußere Stimme (auktorialer Erzähler)? Was ist die Handlung, und wo liegt ihr Höhepunkt? Dann kommt die symbolische Lesart: Welche Metaphern und Symbole verwendet der Autor, und welche wiederkehrende Idee, das Motiv, verbindet den ganzen Text?
Hier liegt ein Punkt, der Lernende oft überrascht: Beim Erzählen der Ereignisse eines Romans oder einer Geschichte verwendet das Deutsche das Präsens historicum, auch wenn die Ereignisse innerhalb der Geschichte selbst in der Vergangenheit angesiedelt sind. Man sagt „Der Protagonist verliebt sich in...“ statt „verliebte sich“, weil ein literarisches Werk bei jeder neuen Lektüre als gegenwärtig behandelt wird. Diese strenge Regel bringt viele fortgeschrittene Lernende aus dem Tritt, weil sie die in vielen Sprachen verbreitete Gewohnheit übertragen, vergangene Ereignisse ohne weiteres Nachdenken im Präteritum zu erzählen.
Darüber hinaus wirst du möglicherweise gebeten, ein Werk in seinen historischen Kontext einzuordnen, indem du die großen deutschen Literaturepochen kennst — Aufklärung, Romantik, Realismus, Expressionismus und andere — und einen Autor mit seiner Epoche und geistigen Strömung verbindest, ganz so, wie man jeden Schriftsteller einer Epoche und Bewegung zuordnet. Der Unterschied ist, dass die deutsche Prüfung konkrete Namen und Daten erwartet, nicht einen allgemeinen Eindruck.