Der Nominalstil strukturiert einen deutschen Satz so um, dass ein Verb, das sonst in einem Nebensatz stünde, zu einem davon abgeleiteten Nomen wird, wodurch der ganze Nebensatz zu einer einzigen, von einer Präposition eingeleiteten Nominalphrase zusammenschrumpft. Statt Wenn man die Regeln nicht beachtet, gibt es Probleme kannst du sagen Bei Nichtbeachtung der Regeln gibt es Probleme — der Nebensatz verschwindet und wird durch ein einziges Nomen ersetzt, Nichtbeachtung.
Dieser Stil ist das Rückgrat des formellen, journalistischen, wissenschaftlichen und juristischen Deutschs. Er verleiht einem Satz Kürze und Sachlichkeit, indem er das unpersönliche Subjekt man entfernt und den Fokus auf die Handlung selbst verlagert, die als abstraktes Ereignis behandelt wird und nicht als etwas, das jemand tut. Viele Sprachen verwandeln Handlungen bereits auf diese Weise in Dinge, indem sie ein Verbalnomen statt eines konjugierten Verbs verwenden, sodass die zugrunde liegende Idee vertraut wirken dürfte — neu ist der genaue Satz morphologischer Regeln, den das Deutsche anwendet, um dieses Nomen zu bilden.
Die Umwandlung folgt drei Hauptmustern. Erstens wird der bloße Infinitiv zu einem sächlichen Nomen, indem man ihn einfach großschreibt und den Artikel das hinzufügt, ohne die Verbform zu verändern: aus lesen wird das Lesen. Zweitens lässt sich ein feminines Nomen ableiten, indem man die Endung -ung an den Verbstamm hängt — die produktivste Endung im Deutschen überhaupt —, sodass aus prüfen die Prüfung wird. Drittens wird ein Personenbezeichnungsnomen mit -er für einen männlichen Handelnden (der Lehrer) oder -erin für eine weibliche Handelnde gebildet. Es gibt auch eine Handvoll weniger regelmäßiger Endungen, etwa -nis (Verständnis), -tum und -heit, die man schlicht von Fall zu Fall lernen muss.
Ist das Nomen einmal gebildet, wird es mit einer Präposition, die das zeitliche oder kausale Verhältnis anzeigt, wieder in den Hauptsatz eingebunden: bei, nach, vor, durch und wegen sind die häufigsten, und jede verlangt einen bestimmten Fall — meist Dativ bei bei/nach/vor, Genitiv oder Dativ bei wegen/durch.
Der häufigste Fehler besteht darin, die vollständige Nebensatzstruktur — Konjunktion plus konjugiertes Verb — beizubehalten und einfach ein Nomen daran anzuhängen, statt das konjugierte Verb ganz zu streichen und den ganzen Satz durch ein einziges Nomen zu ersetzen, das dieselbe Aufgabe erfüllt; so entsteht ein doppelter, unnatürlicher Satz. Ein zweiter häufiger Fehler ist, das Genus des abgeleiteten Nomens zu vergessen, denn ein mit -ung gebildetes Nomen hat nicht unbedingt dasselbe Genus wie ein Nomen aus das + Infinitiv.